Mein erster Stammtischbesuch (Teil I)
Was war ich aufgeregt. Ich sollte das erste Mal mit zu einem SM-Stammtisch gehen. Mein Problem auf neue Leute zu zugehen, ließ mich nicht schlafen. Mein Herr hatte mich zwar zu beruhigen versucht, indem er mir gesagt hatte, dass es nur wenige Leute wären und auch noch eine weitere BDSM-Anfängerin da sei, aber irgendwie wurde ich die Unruhe nicht los.
Auch die Bahnfahrt über machte ich mir Gedanken, wie es sein wird und ob die Leute dort mich akzeptieren würden. Dementsprechend k.o. kam ich bei ihm an, aber wir hatten ja noch etwas Zeit und so konnte ich erst einmal unter die Dusche huschen, so dass ich nicht ganz einer kopflosen Hexe glich, wenn wir dort hinfuhren.
Während ich also einen halbwegs passablen Menschen aus mir machte, erzählte mir mein Herr, dass es ein „Stammi“ rein zum Austauschen sei, also nicht gespielt werden würde, was mich schon etwas ruhiger werden ließ. Während ich noch einen Kaffee in mich reinschüttete, telefonierte Jörg, mein Herr, nochmal mit Ralf, dem andren Organisator, um sicher zu stellen, dass wir die richtige Uhrzeit hatten. Dann ging es auch schon los.
Unterwegs bekam ich die Location Genauestens beschrieben, das heißt eher lobte mein Herr sie in den höchsten Tönen. Die 20 Minuten Fahrzeit vergingen wie im Flug und wir fuhren auf den Parkplatz. Ich bin ja schon drei mal sieben und ein wenig älter, aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Mir blieb vor Staunen der Mund offenstehen. Die Location war eine Wucht.
Sie residiert in einer restaurierten, ehemaligen Fabrikhalle und liegt direkt einem mehrstufigen Wasserfall. Die etwas alternative, skurrile Biergarten – Lounge ist ein Geheimtipp für alle, denen Gewöhnlich zu langweilig ist, weil dessen Eigentümer, auf ein ausgefallenes Ambiente setzten, das man mit anderen Worten als: skurril, kurios, verrückt, abgedreht bezeichnen könnte. Dem Team sind Kunst, Kultur und interessante Begegnungen ein wichtiges Anliegen und so werden in jedem Jahr viele Musiker, Künstler und Akteure ihr buntes Programm anbieten.
Mein Herr lud mich zu einem Eis ein und ich war hin und weg. Vergessen war meine Panik, vergessen die Ängste, vergessen die neuen Leute, vergessen die Gedanken was wird sein, wenn … Immer wieder wanderten meine Augen über das faszinierende Gelände. So irgendwie fühlte ich mich wie ein Kind in einem Eventpark, dabei hatte ich das Highlight noch gar nicht gesehen.
Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und so musste mein Herr mich erst mal ins Hier und Jetzt zurückholen. Es galt die wirklich superleckere Pizza vorzubestellen. Noch immer waren wir die ersten vom Stammtisch und ich begann mich mehr und mehr zu entspannen. Dann kam Ralf …
Was soll ich sagen, schon die Begrüßung war, als ob ich ihn schon seit ewigen Zeiten kennen würde. Ich hatte nicht den Hauch einer Chance in Panik zu geraten. Wir suchten uns einen Platz und von dort sah ich dann das Highlight der Location – den Blick auf den Wasserfall und in die offene Theke.
Während ich die ganzen neuen Eindrücke in mich aufnahm, wechselten Jörg und Ralf ein paar Sätze über Organisatorisches und Leute, die sie noch mit zum Stammtisch bringen wollen und dass Gisela, Ralfs Frau und Sub, heute nicht kommen würde, sie hatte anderweitige Verpflichtungen. Die andere Anfängerin fehlte auch und die beiden wussten erstmal nicht warum. Es blieb also beim kleinen Dreierkreis und ich entspannte mich noch mehr.
Ich hielt mich während dieses Gespräches sehr zurück, zum einen bin ich bei neuen Leuten schüchtern, zum anderen waren da zwei Doms unter sich am Reden und zum dritten ging mich das Organisatorische ja erst mal nix an. Doch weder Jörg, mein Herr, noch Ralf bestanden auf das Machtgefälle oder gaben mir sonst irgendwie das Gefühl, dass sie mich nicht ernst nehmen. Ich fühlte mich einfach wohl.
© Seele 2018