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- Meine Reise in die Erotik

Könnte ich TPE – Total Power Exchange leben?

Könnte ich TPE – Total Power Exchange leben?

Als ich über meiner Wochenaufgabe, dem Update zu meinem Blogeintrag „Welcher Unterschied ist zwischen einer Sub(misiven) und einer Sklavin und in welcher Rolle sehe ich mich?“ und einem Blogbeitrag über TPE und EPE brütete, kamen mir Gedanken dazu, wie eine TPE- bzw. EPE-Beziehung für mich aussehen sollte. Wie weit wäre ich bereit, die Kontrolle über mich an meinen Herrn zu übergeben? Wie weit würde ich heute also 1 ½ Jahre später gehen?

 

Nehmen wir ein utopisches Beispiel zur Veranschaulichung:

 

Ihr lernt den einen gewissen Menschen im Leben kennen, diesen einen gewissen Menschen, also diesen einen Menschen auf den man sein ganzes Leben lang wartet. Ihr verliebt euch sofort ineinander, alles ist perfekt doch dann… wird eine Bedingung gestellt, bzw. daran geknüpft (von welcher Seite diese kommt, ist egal):  Damit dieser Mensch bei euch bleibt oder euch aufnimmt, müsstet ihr euch dazu bereit erklären, in eine TPE – 24/7 – Beziehung mit ihm/ihr zu leben oder einzuwilligen und das ohne Wenn und Aber, ohne zu wissen wie weit es gehen wird und wie tief dieser geheimnisvolle Kaninchenbau wirklich sein wird ….

 

Würdet ihr euch darauf einlassen der würdet ihr dann NEIN sagen und auf das Glück, das große Los verzichteten???  Eine wirklich verzwickte Frage, mit ordentlichem Konfliktpotential. Damit meine ich diesen inneren Konflikt mit sich selbst, der dadurch entsteht. Oder entsteht der bei euch etwa nicht? Denn wie viel sind wir bereit zu opfern, um wirklich glücklich zu sein?

 

TPE, wie ich es sehe, ist ein spezielles Beziehungskonzept im BDSM – Kontext, in dem durch uneingeschränkte Unterwerfung und absolute Ungleichberechtigung Machtgefälle gelebt wird. Das Prinzip der Augenhöhe gibt es nicht, da es von Herr und Sklavin nicht gewollt ist. Vielmehr handelte sich um eine allumfassend asymmetrisch angelegte Lebensweise, in der Herr und Sklavin klar abgesteckte Positionen einnehmen – weil es ihrem Innern entspricht.

 

Über die Zeit füllen sie diese mehr und mehr aus, indem sich Strukturen festigen und ein weit verzweigtes und ineinander verflochtenes Gewebe aus Regeln, Ritualen und Grenzen bildet. In dieser Beziehung geht es weder um Angst, noch um Unterdrückung. Es ist ein Lebenskonzept sich als Submissive in die konsequente, fordernde und beschützende Obhut eines Dominanten zu begeben, seine Führung anzuerkennen und sich seinem Willen absolut unterzuordnen.

 

Der Grund eine solche Lebensweise anzustreben ist weniger romantisch, als es gern mal vermittelt wird. Ist man ehrlich zu sich selbst, handelt es sich zunächst mal um die ganz eigennützige Überlegung, sich für sich selbst tiefe Erfüllung zu versprechen. Ein innerer Drang, oftmals auch eine lang verdrängte Sehnsucht sich über Führung, Machtausübung, Unterwerfung, absoluten Gehorsam und erwartungslosem Dienen selbstverwirklichen zu können.

 

Im Gegensatz zu Erklärungen was TPE bedeutet, und mehr oder minder guten Erläuterungen, was das in der Konsequenz mit sich bringt, ist über die Basis und die Voraussetzungen hingegen wenig bis nichts zu finden. Als Grundvoraussetzung braucht es die entsprechende authentische Veranlagung – Dominanz bzw. Submissivität, um überhaupt langfristig Erfüllung in dieser Lebensart finden zu können.

 

Sich der gesamten Tragweite einer möglichen Entscheidung pro TPE klar zu werden bedeutet Kopfarbeit.  Was aber bedeutet im Zusammenhang BDSM aber nun aber absolut? Kann man mit allen Eventualitäten umgehen? Kommt man zurecht mit einem Leben in dem nicht alles, was passiert, einem gefällt und kann und will man dann dennoch damit umgehen? TPE endet nicht an einer Komfort – Grenze.

 

Die potentielle Sklavin muss sich ohne Ausnahme klar und realistisch vor Augen führen, wirklich jede Stunde – eines jeden Tages – eines jeden Jahres fremdbestimmt zu werden und ihrem Herrn zu dienen. Angefangen bei Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken, Schlafen und Toilettengang, über jegliche Art von Zugeständnissen bezüglich sozialer Kontakte und Annehmlichkeiten, bis hin zum Entzug der Kontrolle über Finanzen und der persönlichen Entwicklung und des Äußeren werden Einschränkungen und Vorgaben auf sie zukommen. Lust – Geilheit – Sex sind nicht der Fokus.

 

TPE heißt absolut und lässt absolut keine Hintertürchen und Auswege.

 

Ein Herr besitzt sämtliche Macht ihr Dinge zu erlauben, zu verbieten, zu gebieten oder zu erlassen. Er allein besitzt die Befugnis – wie er sie ausspielt liegt in seinem Ermessen. Gleichfalls müssen sich die Dominanten darüber im Klaren sein, welche Macht solch eine Partnerschaft mit sich bringt, vor allem aber auch welche Verpflichtung sie sich selbst auferlegen und welcher Belastung sie gegenüberstehen werden.

 

Ein Auto das niemand nutzt, wird eines Tages nicht mehr funktionieren, ohne dass es je kaputt war. Herr wie Sklavin müssen mit sich ins Gericht gegangen sein, wie die Zukunft aussehen soll. Sie müssen sich klar sein, ob sie auch diese Lebensart wollen, wenn die Sonne nicht scheint, wenn es ihnen schlecht geht und wenn die Umstände schwierig werden.

 

Eine solche Entscheidung kann niemand anderer für einen treffen. Niemand sollte mit derart weitreichenden Folgen fahrig und unüberlegt umgehen. Schließlich hat jeder von uns seine Glaubwürdigkeit selbst in der Hand.

 

Welche Prioritäten setzt man sich als Herr? Welchen Weg schlägt man ein, welchen Stellenwert hat die seine für einen? Liegt einem ihr Wohlergehen am Herzen, möchte man sie stärken und fördern und wie möchte man Zeiten gestalten, in denen ihre Dienste nicht aktuell gefordert werden? Sowohl Dominanter, als auch Submissive müssen sich in die Lage versetzt haben, eine bewusste Willenserklärung treffen zu können.

 

Dann braucht es nur noch Willensstärke, Charakter und ein beiderseitiges „Ja“ als Willensbekundung und das Annehmen des jeweils anderen, um sich auf den gemeinsamen Weg in die Tiefe beiderseitiger Erfüllung zumachen zu können, sich angekommen und angenommen zu fühlen. Eine einmalige Willenserklärung zu treffen reicht bei weitem nicht aus.

 

Mit viel Motivation und andauerndem Bemühen überwindet man Zeiten des Zweifels und der Erschöpfung, erlebt wunderbare Nähe, unbeschreibliche Erfahrungen und immer neue Situationen und Anforderungen.

 

Die Umsetzung bedarf Führungswillen und Führungskraft, sowie den Wunsch und der Fähigkeit sich führen zulassen.

 

Als Sklavin durchlebt man eine teils gravierende Umstellung eines einst selbstbestimmten Lebens, wo man zu jeder Zeit tun und lassen kann was man will, und findet sich ein in Kontrolle und Vorschriften, aber auch in Wahrnehmung und Wertigkeit.

 

Gemeinsam arbeiten sich Herr und Sklavin durch die Höhen und Tiefen des Lebens. Es gibt keinen Alltag in dem TPE Platz finden soll und kann, sondern TPE ist der Alltag. Das Leben ist wie es ist und es greift verzahnt ineinander. Es umschließt die Beteiligten in einem festen und erfüllenden Gefüge ein und kann Selbstverwirklichung ermöglichen, wenn man bereit ist sich auf es einzulassen.

 

Eine lebendige, lebensnahe und realistische, haltgebende Struktur bildet den Rahmen des Machtgefälles. Ausdauernde Arbeit von beiden Seiten stützt und stärkt es und erhält es am Leben.

 

Was braucht es, damit diese Beziehung nicht stirbt? Sie ist eine Pflanze aus Aktion und Reaktion, ein Miteinander das stets Aufmerksamkeit und Pflege braucht und nicht gelegentliches Erinnern „da war doch was“.

 

Die Struktur des Machtgefälles lebt durch Regeln und Rituale, sie stärken die Verbindung, geben Halt und bilden den Rahmen der Bewegungsfreiheit der Sklavin. Der Wille zum Gehorsam trägt einen großen Teil am Gelingen bei und Kontrolle ist neben dem Einfordern von Gehorsam das Stilmittel, das ein Gefühl von Stütze und Sicherheit und Kraft gibt.

 

In der Summe braucht eine Sklavin das Gefühl als solche behandelt zu werden. Seine Sklavin zu fordern und zu fördern, sowie ihre Entwicklung zu unterstützen und nicht zu unterbinden sollte im eigenen Interesse Augenmerk des Herrn bleiben.

 

Es steht und fällt keineswegs mit Massen an Regeln und Verboten, sondern zu jedem H/s Paar muss es die ganz einzigartige Kreation geben, die den Vorstellungen des jeweiligen Herrn entspringt. Nur er kennt seine Vorlieben und Ziele, nur er weiß in welcher Weise er sich den Dienst vorstellt und auch wieweit er bereit ist, diesen zu kontrollieren und einzufordern.

 

Es bedeutet von Seiten des Herrn voller Sorgfalt mit dem anvertrauten Leben umzugehen, das Vermögen und den Willen die eigenen Bedürfnisse dem Machtgefälle hintenan zu stellen, um konsequent zu jeder Zeit die Asymmetrie der Beziehung zu pflegen, aufrecht zu erhalten und in den Fokus zu rücken.

 

Selbstsicherheit, Souveränität und Integrität sind unter anderem Stärken eines Herrn, der weiß was er tut und was er abverlangt. Mit Verstand und einer guten Portion Realismus schießt ein Herr nicht übers Ziel hinaus und verliert nicht durch fehlende Führung die seine in Haltlosigkeit, sondern bildet die Welt, den Raum und die Zeit für das Leben in absoluter Unterwerfung.

 

Eine Sklavin braucht die uneingeschränkte Bereitschaft täglich immer wieder aufs Neue ihr Bestes zu geben. Es ist in ihr bescheiden und mit Freude zu dienen, die Wünsche des Herrn im Auge zu haben, Aufmerksamkeit zu schenken, sich selbst zurück zu nehmen – eigenes Denken und Handeln hinten an zu stellen. Eine tugendhafte Sklavin zu sein, bedeutet nicht ein willenloses, kraftloses und unfähiges gedankenloses Wesen zu sein.

 

Eine Sklavin ist eine starke Frau, mit Selbstwertgefühl und gesunder Selbsteinschätzung, die sich ihrer Werte und ihrem Wesen bewusst ist, die Wahl zu diesem Leben frei getroffen hat und sich aus freien Stücken unterwirft.

 

Stetige Kommunikation zwischen Herr und Sklavin ermöglicht im Sinne beider zu entscheiden und die Zugriffe ohne Zerstörung auszubauen. Kommunikation ist kein Muss, aber ein Herr tut gut daran, will er diese Beziehungsform auf lange Frist gesehen für beide glücklich gestalten und aus-leb-bar machen.

 

Auf dem Fundament der Veranlagung entstehen die tragenden Säulen durch Arbeit und Integrität des Herrn – Führung, Fordern und Fördern der Seinen. Sie werden gefestigt durch die Tugenden der Sklavin und ermöglichen das Entstehen des schützenden Daches, unter dem sich beiderseitige Erfüllung findet.

 

TPE – ist also eine Entwicklungsfrage – ein Reifungsprozess, der über die Zeit Bestätigung findet und immer aufs Neue von beiden Seiten bewiesen werden muss.

 

Ich finde das Thema unglaublich spannend, doch für mich wäre es, wenn ich ehrlich zu mir und zu meinem Herrn bin, unrealistisch, weil ich würde ganz jämmerlich auf ganzer Linie dabei versagen. Ich wurde durch Beziehungen und äußere Umstände zur Selbstständigkeit und Unabhängigkeit erzogen. Auf der einen steht also die Kontrollabgabe, auf der anderen kenne ich mich so gut, dass ich weiß, ich würde recht schnell versuchen auszubrechen und gegen die ständige Kontrolle aufbegehren je stärker, je länger das TPE anhält. Dieser Gedanke jeden Atemzug rechtfertigen zu müssen, für alles Rechenschaft ablegen zu müssen, genau das könnte ich nicht, zumindest nicht auf Dauer.

 

Ich genieße jeden Schritt in Richtung Loslassen und TPE. Jedes Stückchen Verantwortung, jede Entscheidung, egal wie klein, ist wunderschön, wenn ich sie nicht treffen muss. Und dennoch würde ich nie ständig kontrolliert werden wollen und würde von einem Tag auf den anderen von mir abverlangt werden, mich in eine TPE Beziehung einzusortieren, dann würde ich kläglich scheitern und schwer überfordert sein.

 

Und selbst, wenn wir irgendwann herausfinden, das TPE nicht nur in unseren Köpfen etwas Schönes ist, dann ist es halt so. Und wir leben einfach, wie wir es wollen. So lange wir verstehen, was wir wollen und wie wir leben, ist es ausreichend langsam scheint mir, dass vieles von selbst geht und normal wird.

 

© Seele 2018

 

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