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- Meine Reise in die Erotik

Ich nannte ihn einst meinen Herrn

Ich nannte ihn einst meinen Herrn

Ich nannte ihn einst meinen Herrn, meinen Herrn, so zwangsläufig und selbstverständlich, wie der Weg war, der mich zu ihm führte. Ich schwamm in einem Meer von Emotionen, getrieben, getragen und losgelöst. Er war der Felsen in diesem Meer, an dem ich mich brach, der mich hielt und mein Zufluchtsort wurde. Regen spülte nicht meine Verzweiflung fort, wohl aber meine Verblendungen. Ob ich wollte oder nicht (und glaubt mir, Letzteres war eher der Fall), ich musste mein eigenes Wissen anerkennen. Eine bittere, aber klare Erkenntnis, die die Sub in mir unaufhaltbar zur Ader ließ. Es war vorbei.

 

Ohne seine Führung das war nicht nur unerträglich. Ich fühlte mich wie amputiert. Nicht von ihm, der nie Teil von mir war. Nein, vielmehr abgeschnitten von meiner Sehnsucht, meinem Verlangen, meiner Gier — deren Schlüssel er längst in der Hand hielt, zielsicher in mich eingefallen war, um mich gründlich zu verwüsten, auf den Kopf zu stellen, aus der Fassung zu bringen, zu zerlegen und enttarnen.

 

Das Verborgene, das Wahre zeigt sich, wenn man dahinter sieht. Hinter allen Fassaden liegt ein Ort, der unbetretbar scheint. Ein Schloss hinter unzähligen Toren, erreichbar über halbverfallene Brücken. Gut bewacht von allen Dämonen meiner inneren Welt. Diesen Ort hat er erreicht. Einen jungfräulichen Ort, den nicht mal ich bisher gewagt hatte zu betreten. Es wundert also nicht, dass ich ihn meinen Herrn nannte.

 

Da saß ich nun mit meinem Wissen, mit meinen Erfahrungen und mit meinem Schmerz. Einen Schmerz, dessen Intensität ich immer gefürchtet habe. Mit Spuren an meiner Seele, die sich tiefer eingebrannt haben, als es jeder körperliche Schmerz vermocht hätte. Ich wollte fliehen und konnte es doch nicht. Dieses Tier in mir ließ sich nicht mehr einsperren, nicht mehr an die Leine legen. Es war nun frei, es kannte einen Ort, wo es leben konnte. Von diesem Platz wurde es verbannt. Es wurde verbannt von dem, den ich meinen Herrn nannte.

 

Egal in welche Richtung ich mich wenden würde, der Weg führte nicht mehr zurück. Der Mann, den ich meinen Herrn nannte, war ein Fremder. Trotz all der unglaublichen intensiven Begegnungen war es mir nicht gelungen, ihm nah zu kommen. Seine Seele blieb mir fern. In jenen Tagen begann ich zu schreiben. Nicht gegen das Vergessen, sondern gegen den Schmerz. Schmerz, der nicht nur den Verlust betrauerte, sondern vielmehr selbst verloren ging in den Stürmen meines Inneren. Festhalten wollte ich, was nicht nur als verloren erschien, sondern darüber hinaus nie wirklich existiert zu haben schien.

 

Das Schreiben, schien die einzige Möglichkeit zu sein, nicht verrückt zu werden, den freien Fall aufzuhalten. Ich klammerte mich an die Tastatur als wären es Stricke, die mich zu halten vermochten. Einmal noch, nur einmal noch — und gleichzeitig war jedes Wort der verzweifelte Versuch, der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Im Dreck zu kriechen scheint weniger schlimm als Dreck zu sein. Die Grenzen sind fließend, wenn Du – HERR mich nicht fängst.

 

Ich bin eine submissive Frau mit einer starken, undefinierbaren Sehnsucht, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Lange Zeit konnte ich dem keinen Namen geben. Ich wusste nur immer, irgendetwas ist anders an mir. Meine Art zu lieben schien eine andere Art zu sein, als jene die ich bei anderen Frauen beobachtete. Ich war irgendwie so …grenzen- und haltlos, wie im freien Fall. Mitten im Leben stellte ich fest, dass egal was ich tat oder auch nicht, etwas Wesentliches zu fehlen scheint.

 

Ich hatte mehr negative Erfahrungen, als in ein Leben passen sollte. Meine Unsicherheiten waren sichere Zeichen der Getriebenheit, der haltlosen Suche ohne zu wissen wonach. Und doch blieb ich unschuldig im Sinne der Unberührtheit. Meine Seele hat niemand wirklich erreicht. Selbst die nicht, denen ich sie vor die Füße legte.

 

Ich war nie wirklich einsam und doch fühlte ich mich so. Ich war nie wirklich im Stillstand und doch fühlte ich mich getrieben. Ich war auch nie ängstlich und doch wusste ich, dass die Angst in mir wohnt. Eine Angst, die mich lähmte und gleichzeitig doch meine größte Triebkraft war. Die Angst mich zu verlieren, aus den Augen zu verlieren, wer unter all diesen Funktionalitäten, Masken und Selbsterhaltungstrieben tatsächlich wohnt.

 

Es gibt Tage, die ein Leben in seine vorbestimmte Richtung bringen. Dieser Tag des ersten Kontaktes war einer davon. Ein Kontakt entstanden aus einer kleinen Frage von mir an ihn, geschrieben ohne nachzudenken, einfach aus dem Gefühl heraus. Ein Moment, der gleichzeitig der Beginn einer neuen Zeitordnung meines Lebens darstellte. Von da an ordnete ich alles in ein System davor oder danach ein. Herbst war es schon fast Winter und es war bitterkalt und wieder einmal mehr war mein Leben in eine Art Sackgasse geraten. Alles darin trug meine Handschrift, war das Ergebnis meines Handelns. Seine Antwort war eine Art Test und führte mich in eine andere Realität, völlig anders als meine täglichen Wirklichkeiten.

 

Er zog die Fäden. Und ich? Ich folgte und ließ mich fallen in ihn und seine Führung, gab mich hin an den Mann, glaubte an ihn oder den, für den ich ihn halten wollte. Ich brannte, war fasziniert von diesem „Spiel“, das er begonnen hatte, in jenem Moment, als ich anfing sein Interesse zu erregen. Hunger, Hunger, schrecklicher Hunger und die Ahnung, dass eine bittersüße Mahlzeit auf mich warten könnte. Mehr brauchte es nicht. Ich fühlte pure Hingabe und Hilflosigkeit, Scham und Stolz im gleichen Augenblick. Hochkonzentriert und gleichzeitig völlig entrückt folgte ich nur noch seinen Worten, dem Klang seiner Stimme. Mein einziger Halt im herannahenden Fall und gegen den Sturm des Lebens. Ich wollte stark sein, stark sein für ihn. Wen wundert es, dass ich ihn meinen Herrn nannte.

 

Wenn es je einen Zweifel gegeben hat, ob es richtig ist, was ich tat, dann habe ich ihn nicht bemerkt. Ich war längst auf seinem Weg und er hatte längst beschlossen, dass es nicht für ewig sein würde. Es ist Zeit loszulassen, den Mann, er mich nie binden wollte und doch zu fesseln verstand wie kein anderer, den Mann den ich einst meinen Herrn nannte.

 

© Seele 2019

 

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